Europa im Wandel – Den demographischen Wandel berücksichtigen und ernst nehmen

Europa im Wandel

Deutschland befindet sich aktuell in einer „doppelten Alterung“. Auf der einen Seite steigt die Lebenserwartung der Menschen und auf der anderen Seite sinkt die Geburtenrate. Von diesem Wandel sind besonders der Pflegesektor sowie die Pflegeversicherung stark betroffen. Mit dem steigenden Alter nimmt auch die Zahl der Pflegebedürftigen zu. Wenn es heute 2,1 Mio. Pflegebedürftige gibt, sind es nach Prognosen im Jahre 2050 bereits 4,5 Mio. Den größten Schnitt wird es dabei zwischen den Jahren 2015 und 2035 geben, in denen die sogenannten geburtenstarken Jahrgänge in den Ruhestand gehen. Auch die Zunahme der Single-Haushalte führt dazu, dass die häusliche Pflege vorwiegend durch professionelle Pflegedienstleistung ersetzt wird. Denn wer keine Verwandten hat oder diese sich aus verschiedenen Gründen nicht um ihre Angehörigen kümmern können, der wird früher oder später, um in den eigenen vier Wänden wohnen zu bleiben, auf mobile Pflegedienste und Krankenpflege zurückgreifen.

Technischer Fortschritt in der Medizin

Durch den medizinischen Fortschritt in Europa hat sich die Lebenserwartung drastisch erhöht. Die Generation 65-Plus wird immer größer, da es heutzutage immer bessere Möglichkeiten gibt, dass Menschen, auch mit schwerwiegenden Erkrankungen oder erheblich hohem Alter, länger leben können. Der medizinische Fortschritt kann somit als Grund für den demographischen Wandel in Europa nicht außer Acht gelassen werden. Durch fortschreitende technische Möglichkeiten im Bereich der operativen Medizin, aber auch der Pflege, können heute viele Krankheiten geheilt oder eingedämmt werden. Das hat eine ganz neue Lebensqualität auch im Alter zur Folge. Doch die Kosten für die eine oder andere Behandlung steigen durch schwierige und zeitintensive Versorgung der Patienten. Die Kosten der medizinischen Versorgung sind heute im Alter meist am höchsten, da ältere Menschen häufiger den Arzt aufsuchen und vermehrt Arzneimittel benötigen. Dabei führen besonders teurere Medikamente und neue Behandlungsmethoden zu solch hohen Ausgaben, dass sie auf Dauer durch die soziale Pflegeversicherung nicht gedeckt werden können.

Politischer Wandel

Auch politisch ist die Pflege immer wieder ein aktuelles Thema. Im Jahr 2008 hat es bereits eine gewisse Verbesserung durch das „Pflegeweiterentwicklungsgesetz“ gegeben, welches eine Erhöhung der einzelnen Leistungssätze für alle Pflegearten und –formen vorsah. Es konnte zwar durch einen verpflichtenden Zusatzbeitrag eine Reserve gebildet werden, die aber nachhaltig nicht ausreichen wird. Daher hat der Bundestag 2012 die Pflegereform von Gesundheitsminister Bahr verabschiedet. Diese soll, durch die Erhöhung der Beiträge zur Pflegeversicherung, ein Plus in die Kassen des Bundes wirtschaften, mit dem die Pflege und Versorgung von Demenzkranken, nachhaltig verbessert werden soll. Auch das Modell einer sogenannten „Bürgerversicherung“, dass privat Versicherte mit in die gesetzliche Versicherung einbeziehen soll, bringt nur eine kurzfristige Erhöhung der Einnahmen.

Und wer einzahlt hat später auch Ansprüche die er geltend machen darf. Statt der kurzfristigen Entlastung des Gesundheitssystems, kommt es dann zu einer langfristigen Belastung, weil die Zahl der Pflegebedürftigen immer weiter steigen wird. Des Weiteren wurde von den Ersatzkassen der Aufbau eines „kollektiven Kapitalstocks“ vorgeschlagen. Dabei soll innerhalb der bestehenden Pflegeversicherung der Pflegeaufwand gleichmäßig auf alle Generationen aufgeteilt werden. Mit den Zusatzbeiträgen soll ein Kapitalstock aufgebaut werden, der später zur Finanzierung der Pflegeleistungen herangezogen wird. Zudem wird darüber diskutiert, in wie weit der Begriff der Pflegebedürftigkeit anders definiert werden kann. Als eine Möglichkeit wurde genannt, den Grad der Selbstständigkeit als ein Maß für die Pflegebedürftigkeit zu nehmen. Dabei würden nicht nur die körperlichen Fähigkeiten, sondern auch der Geisteszustand des Patienten, eine Rolle bei der Beurteilung des Grades der Selbstständigkeit spielen. Förderlich wäre das besonders für Demenzkranke, die häufig die Pflegestufe 0 haben, da sie aufgrund ihrer noch vorhandenen körperlichen Fähigkeiten, nicht in eine andere Stufe eingeordnet werden können.

Den Wandel bedenken

Doch nicht nur die medizinische Versorgung der Bevölkerungsschicht ab 67 Jahren und älter, muss bedacht werden. Auch die Beschäftigung der Menschen im hohen Alter, die Wohnsituationen, Freiwilligentätigkeiten und Verkehrskonzepte sind mit Blick auf den demographischen Wandel zu überdenken. Denn altern ist nur schön, wenn es auch lebenswert ist. 2012 ist das Europäische Jahr für aktives Altern. Mit dem Ziel, den Menschen das Altern bei bester Gesundheit und voller gesellschaftlicher Integration, sowie beruflicher Sicherheit und Unabhängigkeit im Alltag zu ermöglichen, werden in ganz Europa verschiedene Initiativen gestartet. Durch eine gestiegene Lebenserwartung hat sich in den letzten Jahren auch das Renteneintrittsalter nach hinten verschoben. Dabei haben viele Senioren Angst, ihren aktuellen Job nicht lang genug ausführen zu können oder keinen neuen Job mehr zu bekommen und somit nicht genügend Rentenpunkte zu sammeln um in der Zukunft ein abgesichertes Leben ohne Sozialhilfe und Co. führen zu können. Ihnen müssen daher Chancen auf dem Arbeitsmarkt gegeben werden, um zu vermeiden, dass eine ganze Generation möglicherweise in die Altersarmut abrutscht. Zudem soll das Europäische Jahr 2012 das Engagement der Senioren außerhalb des Berufslebens mehr würdigen und die Gesellschaft darauf aufmerksam machen, dass Ruhestand nicht gleich Stillstand bedeutet. Viele Familien benötigen die Unterstützung der Großeltern zum Beispiel täglich bei der Kinderversorgung, weil die Eltern beide voll berufstätig sind. Doch auch das freiwillige soziale Engagement vieler Senioren ist nicht zu unterschätzen. Außerdem sollen durch gezielte Initiativen Möglichkeiten gefunden werden, Senioren die Chance zu bieten, möglichst lange in ihrer gewohnten Umgebung und weitestgehend selbstständig wohnen zu bleiben. So reichen oft schon kleinere bauliche Änderungen um das Wohnen altersgerecht zu gestalten.

Verschiedene Initiativen

Viele Städte in ganz Europa haben sich deshalb verschieden Initiativen überlegt, um die vorgenannten Ziele zu verwirklichen. Die Stadt Leipzig möchte ihre Einwohner beispielsweise durch das Verteilen von Infomaterial und das Schalten von Werbung in Bussen und Bahnen, für die Integration von Menschen mit hohem Alter in die Gesellschaft und das Ziel des aktiven Alterns sensibilisieren. Gefördert wird die Initiative vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

Die deutsche Hauptstadt Berlin hat mehrere Initiativen ins Leben gerufen. So zum Beispiel das Generationen Forum. Dieses soll die immer größer werdende Kluft zwischen Alt und Jung schließen und die Entstehung eines Dialogs zur Förderung von Verständnis und Solidarität unter den Generationen bewirken. In drei Phasen sollen sich dabei zunächst Ältere (55+) und Junge (15-35) aus verschiedenen sozialen Schichten zusammenfinden und diskutieren. Dabei sollen Informationsmaterialien entstehen. Die zweite Phase sieht die Ausweitung des Projekts auf andere deutsche Städte und deutschsprachige Länder vor, bevor die Ergebnisse schließlich im Rahmen einer Ausstellung in Berlin, zum informieren und diskutieren, präsentiert werden sollen.

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